Wie sollen wir entscheiden, wenn wir nicht wissen, was kommt?
Diese Frage ist verständlich, hilft jedoch nicht weiter. Denn sie unterstellt, dass gute Entscheidungen vor allem mehr Sicherheit brauchen.
Erkenntnisse aus der Entscheidungspsychologie und Neuroforschung zeigen jedoch etwas anderes:
Je stärker Menschen versuchen, Unsicherheit vollständig zu beseitigen, desto eher geraten Entscheidungen ins Stocken. Mehr Informationen, mehr Absicherung und mehr Analyse führen ab einem Punkt nicht zu besseren Ergebnissen, sondern zu Verzögerung, Vermeidung und Überforderung.
Das Problem ist also selten ein Mangel an Sicherheit. Es ist ein Mangel an Orientierung.
Was bedeutet Orientierung?
Orientierung klingt für viele nach „Wir wissen, wo’s langgeht“. Genau das ist in unsicheren Phasen oft nicht möglich. Orientierung heißt in diesem Kontext daher etwas anderes: Du weißt nicht alles, du kennst nicht jede Entwicklung, du bekommst keine Garantie. Du hast dennoch eine innere Ausrichtung, anhand derer Entscheidungen nachvollziehbar werden und eine Richtung bekommen.
Orientierung entsteht, wenn Menschen wissen:
was im Zweifel wichtiger ist als anderes,
wofür sie Verantwortung tragen und wofür nicht,
welche Risiken akzeptabel sind und welche nicht,
nach welchen Maßstäben Entscheidungen bewertet werden, auch wenn sie sich im Nachhinein als unvollkommen erweisen.
Das ist kein philosophischer Luxus, sondern eine hochpraktische Grundlage. Ohne diesen Kompass wirkt jede Entscheidung wie ein Würfelwurf oder wie reines Reagieren auf die lauteste Stimme im Raum. Mit dieser Ausrichtung werden Entscheidungen handhabbar, weil sie begründet werden können, selbst wenn man im Nachhinein feststellt, dass ein Schritt korrigiert werden muss.
Führung und Zusammenarbeit brauchen Leitplanken
Führung und Zusammenarbeit geraten dort ins Stocken, wo Entscheidungen ständig neu begründet werden müssen, weil der gemeinsame Bezugsrahmen fehlt.
Viele Organisationen erwarten von Führungskräften, dass sie Antworten liefern. Klare Entscheidungen, klare Ansagen, klare Richtung. In der Praxis scheitert das oft daran, dass diese Antworten in komplexen Situationen schlicht nicht existieren. Wer dann trotzdem versucht, Sicherheit zu simulieren, erzeugt meist genau das Gegenteil: Zurückhaltung, Absicherung und taktisches Verhalten.
Wirksame Führung zeigt sich deshalb weniger im Liefern von Lösungen als im Setzen eines Rahmens. Also darin, sichtbar zu machen, nach welchen Kriterien entschieden wird, was im Zweifel Vorrang hat und wie mit Entscheidungen umgegangen wird, die sich später als unvollkommen erweisen. Das entlastet nicht nur Führungskräfte, sondern schafft Entscheidungsfähigkeit auf mehreren Ebenen.
Für die Zusammenarbeit gilt dasselbe Prinzip. Teams scheitern selten an fehlendem Wissen oder mangelndem Willen. Sie scheitern daran, dass unklar bleibt, was wirklich zählt. In solchen Situationen wird über Details diskutiert, Verantwortung vorsichtig weitergereicht oder Konflikte vermieden, weil niemand weiß, woran er sich halten soll.
Wo eine gemeinsame Linie vorhanden ist, verändert sich das Miteinander spürbar. Entscheidungen werden nachvollziehbar, auch wenn sie nicht perfekt sind. Verantwortung wird eher übernommen, weil der Rahmen klar ist. Zusammenarbeit wird möglich, obwohl Anforderungen widersprüchlich bleiben.
Orientierung ersetzt keine Entscheidungen. Sie macht sie überhaupt erst möglich.
Klartext-Fazit: Der Kern guter Entscheidungen
Am Ende geht es weniger um Prognosen oder Gewissheit, als um ein gemeinsames Verständnis.
Menschen kommen mit Unsicherheit besser zurecht, wenn sie wissen, was im Zweifel zählt, wer entscheiden darf und nach welchen Kriterien Entscheidungen bewertet werden. Fehlt diese gemeinsame Linie, wird entweder gezögert oder hektisch gehandelt.
Handlungsfähigkeit entsteht dort, wo Entscheidungen nicht perfekt sein müssen, aber begründbar sind und wo Verantwortung nicht als Risiko erlebt wird, sondern als Teil der eigenen Rolle.
Das ist kein theoretisches Ideal, sondern eine sehr praktische Voraussetzung dafür, dass Organisationen und Menschen auch dann handlungsfähig bleiben, wenn Antworten nicht eindeutig sind.
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