Jeder hat blinde Flecken. Dein Team kann sie kleiner machen.

19. Okt. 2026

Ein Unternehmer hat entschieden, dass sein Betrieb in andere Räume umzieht. Die neuen Räume sind etwas kleiner und anders geschnitten. Die Entscheidung war notwendig und fiel schnell, die Planung hat der Unternehmer weitgehend allein gemacht.

Seine Leitung wurde informiert, aber nicht aktiv in die Planung eingebunden. Mit dem Umzug verlor sie ihr eigenes Büro, genauso wie die Kolleginnen aus der Auftragsannahme. Seitdem sitzen sie mitten im Arbeitsraum, neben Geräten, die den ganzen Tag laufen und Lärm machen. Ein vertrauliches Telefonat führen? Eine Stunde konzentriert an etwas Wichtigem arbeiten? Dafür gibt es keinen Raum mehr. Wenn die Leitung mal Ruhe braucht, arbeitet sie von zu Hause.

Am Ende hat es geklappt

Heute ist der Umzug erledigt. Die Abläufe haben sich eingespielt, der Betrieb läuft. Die Leitung sieht inzwischen sogar Vorteile: Sie ist näher dran und bekommt viel mehr von dem mit, was im Alltag passiert.

Man könnte also sagen: alles richtig gemacht. Entscheidung getroffen, umgesetzt, funktioniert. Hätte man vorher lange mit allen gesprochen, wäre es vermutlich nur langsamer und teurer geworden.

Die Lücken im Plan

Die Bilanz stimmt, solange man nur auf das Ergebnis schaut. Der Weg dorthin hat fast ein Jahr gedauert, und über viele Monate war die Stimmung schlecht. Bei der Leitung kam vor allem eines an: Wir haben keinen Einfluss und hinterher müssen wir damit leben.​

Wer sich so fühlt, macht trotzdem mit. Die Arbeit wird erledigt, der Umzug findet statt. Die Bereitschaft, sich wirklich einzubringen, eigene Ideen beizusteuern oder Probleme früh anzusprechen, sinkt aber spürbar. Mitmachen kann man anordnen. Mitziehen nicht.

Phasenverschiebung

Als Elektroingenieur muss ich bei solchen Situationen an Wechselstrom denken. Wenn Spannung und Strom nicht im gleichen Takt schwingen, entsteht eine Phasenverschiebung. Ein Teil der Energie pendelt dann zwischen Quelle und Verbraucher hin und her, ohne nutzbare Arbeit zu leisten. Das nennt man Blindleistung. Die Leitungen belastet sie trotzdem.

Im Betrieb passiert etwas Ähnliches. Der Unternehmer war mit seinen Gedanken längst in den neuen Räumen, seine Leitung stand noch ganz am Anfang. Beide liefen nicht mehr im gleichen Takt. Die Energie, die über Monate in Ärger und Frust geflossen ist, hatte keinen Nutzen, nur „Kosten“.

Die Betroffenen sehen, was im Plan fehlt

Ein Nachteil ist bis heute geblieben: Es fehlt ein Ort für Ruhe und vertrauliche Gespräche. Die Leitung hätte das vermutlich schon bei der ersten Planung angesprochen, wenn man sie gefragt hätte. Vielleicht hätte sich eine Lösung gefunden, vielleicht auch nicht. Die Chance darauf gab es jedenfalls nicht.

Schon 1948 haben die Forscher Lester Coch und John French in einer amerikanischen Textilfabrik beobachtet, dass Gruppen, die an der Gestaltung einer Veränderung beteiligt waren, deutlich schneller wieder ihre alte Leistung erreichten als Gruppen, denen die Änderung nur mitgeteilt wurde.

Die Entscheidung darf dabei beim Inhaber bleiben. Wer die Betroffenen fragt, bevor der Plan feststeht, bekommt zweierlei: Hinweise, die er selbst nicht sieht, und Menschen, die das Ergebnis als ihres ansehen.

Jeder hat blinde Flecken. Dein Team kann sie kleiner machen.

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